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Als Piefke an die Uni

Als Piefke an die Uni

Viele Master-Studiengänge an österreichischen Hochschulen (hier die Uni Wien) genießen qualitativ einen guten Ruf, vor allem in Nischenfächern.

Wegen des einfachen Uni-Zugangs ziehen Tausende nach Österreich

Für Janina Schwarz war die Sache klar: Nach dem Abitur und einem Semester in der Heimat packte die Bayerin die Koffer und folgte ihrer Schwester für das Studium nach Wien. Damit ist sie nicht die Einzige: Österreich ist bei Studenten aus Deutschland so beliebt wie kein anderes Land. Die Vorteile liegen auf der Hand: Man muss keine andere Sprache lernen, die Bürokratie hält sich in Grenzen, und die Anrechnung der Kurse läuft meistens reibungslos. Deshalb bleiben viele nicht nur ein Semester, sondern das ganze Studium lang. Trotzdem gibt es immer wieder unerwartete Probleme.

Ihren Studiengang gab es in dieser Form in Deutschland damals nicht, deshalb habe sie sich für Wien entschieden, erzählt Schwarz. Die 23-Jährige kam 2012 nach Wien, um Theater-, Film- und Medienwissenschaft zu studieren. „Die Anmeldung war sehr einfach, das ging mit einem Formular.“ Weil ihre Schwester bereits in Wien lebte, war auch die Wohnungssuche simpel: Janina Schwarz zog zunächst einfach dort ein.

Kostengünstige Freizeit- und Kulturangebote – besonders für Studenten – locken immer mehr Deutsche. Auch die österreichische Gemütlichkeit wissen viele zu schätzen. An deutlich höhere Preise für Lebensmittel und Drogeriemarkt-Artikel müssen sich viele Auswanderer aber erst gewöhnen.

Laut Angaben der Statistik Austria waren im vergangenen Studienjahr über 34.000 deutsche Studenten in Österreich eingeschrieben, so viele wie noch nie zuvor. Zehn Jahre zuvor waren es nur rund 11.000. Bereits über 670 Kooperationen zwischen den Hochschulen beider Länder gibt es laut dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD).

„Ich schätze die Lebensqualität hier einfach. Wien ist nicht umsonst gerade erst wieder zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt worden“, sagt Maren Riebe. Die 30-jährige Berlinerin kam 2005 – genau wie fünf ihrer Schulkollegen – als klassischer „NC-Flüchtling“ zum Studium nach Wien. Auch nach ihrem Publizistik-Abschluss blieb sie in der österreichischen Hauptstadt. Inzwischen arbeitet Riebe als PR-Beraterin in einer Wiener Agentur.

Viele Deutsche kommen nach Österreich, wenn ihr Abi-Schnitt nicht ausreichend ist und sie wegen des Numerus Clausus populäre Studiengänge in ihrer Heimat nicht belegen können. Ob Medizin, Publizistik oder Psychologie: In vielen Kursen machen Deutsche die Hälfte aller Teilnehmer aus. Überfüllte Hörsäle und überlastete Lehrende sind keine Seltenheit – sehr zum Unmut einiger österreichischer Studenten.

„Ich kann verstehen, dass es Diskussionen gibt, deshalb gebe ich dem österreichischen Staat jetzt auch Geld durch meine Steuern zurück“, sagt Riebe. Sie wollte sich den Vorwurf nicht ankreiden lassen, dass sie nur die Vorteile des offenen Hochschulzugangs ausnutze und dann wieder nach Hause ziehe. Die eng vernetzte Gemeinschaft der Deutschen bringt aber auch einen Nachteil mit sich: „Ich habe viele Freunde hier gefunden, aber fast nur deutsche“, sagt Schwarz.

Was für viele Studenten ebenfalls überraschend kommt, sind Probleme mit der Sprache. Denn Deutsch ist nicht gleich Deutsch: „Ich bin nur froh, dass ich den Kaufprozess überstanden habe“, erinnert sich Riebe an ihren ersten Ticketkauf für die Straßenbahn in einem Kiosk. Feine Unterschiede zwischen Bundesdeutsch und Österreichisch sorgen für Verwirrung: Tomaten werden da zu Paradeisern, Sahne zu Schlagobers, die Tüte zu einem Sackerl und Bohnen zu Fisolen.

„Je leichter die Verständigung auf sprachlicher Ebene ist, desto größer ist die Möglichkeit für Missverständnisse“, sagt Karriereberaterin Julia Funke aus Frankfurt. Alle Beteiligten unterstellen sich gegenseitig, den anderen zu verstehen, obwohl das gar nicht der Fall ist. Dabei macht es aber einen großen Unterschied, aus welcher Ecke Deutschlands der Studierende kommt.

Der „Weißwurstäquator“, der scherzhaft Süddeutschland vom restlichen Land trennt, spiele dabei eine große Rolle, sind sich Riebe und Schwarz sicher. Die Bayerin Schwarz habe bisher keine Probleme gehabt: „Bei mir hört man den Dialekt ja kaum. Viele Österreicher sagen zu mir: ‚Du gehörst als Bayerin ja eh fast zu uns.‘“ Währenddessen musste sich die Berlinerin Riebe immer wieder als „Piefke“ bezeichnen lassen. Die Situation sei aber zuletzt viel besser geworden.

Am Arbeitsmarkt habe sie als Deutsche sogar Vorteile, findet Riebe. „Deutsche haben den Ruf, besonders effizient und effektiv zu sein“, so die Berlinerin. Auch bei einer Rückkehr in die Heimat sieht Karriereberaterin Funke keine Probleme: „Personalbüros sehen keine großen Unterschiede, ob in Österreich oder Deutschland der Abschluss gemacht wird.“ Aber die Jahrgänge mit doppeltem Abitur kämen erst noch. „Es ist hier noch viel Bewegung drin.“

Gut möglich, dass kommende Jahrgänge dann nicht nur dem Abi-Schnitt wegen nach Österreich kommen. Denn der freie Hochschulzugang ist laut DAAD lange nicht mehr der einzige Grund, sich für ein Studium beim Nachbarn zu entscheiden: Im Bereich vieler Master-Studiengänge seien österreichische Universitäten qualitativ im Spitzenfeld. Besonders wenn es sich um Nischenfächer handle, sagt ein DAAD-Sprecher: „Daher werden häufig handfeste qualitative, inhaltliche Gründe für die Studienplatzwahl genannt.“

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